Episode #14: Warum du Schluss mit deinen Schuldgefühlen machen solltest

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Du kannst die Episode hier auch in Textform lesen:

Du erfährst in dieser Episode:


  • Welche Verbindung zwischen Perfektionismus und Schuldgefühlen besteht.
  • Wieso das Wort „Schuldgefühl“ in der tibetischen Sprache gar nicht existiert.
  • Warum Schuldgefühle seit Jahrtausenden ein Teil unserer westlichen Fehlerkultur sind – aber gleichzeitig nicht dazu beitragen, dass Erkenntnisse und Lösungen gewonnen werden
  • Wie du einfühlsam um Verzeihung bittest, wenn du einen Fehler gemacht hast.
  • Und wie dich das sogenannte „Good enough“ Prinzip unterstützt, Schuldgefühle zu reduzieren.

Du bekommst eine tolle Übung, die dir dabei hilft, durch das Erleben von „Gut gemacht!“ zu einem Gefühl von „Gut genug!“ zu kommen.

Perfektionsdrang und Schuldgefühle

Meine Inspiration zu dieser Episode habe ich beim Walk-and-Talk mit meiner Freundin erhalten

Wir sprachen über Perfektionsdrang und die damit unweigerlich verbundenen Schuldgefühle. Man weiß gar nicht, was hier die Henne und was das Ei ist:

Hast du Schuldgefühle, weil du nicht perfekt bist?

Oder versuchst du, möglichst perfekt zu sein, weil du in so einem Dauerzustand von Scham und Schuldgefühlen bist? 

Bréne Brown, die seit vielen Jahren zu den Themen Scham und Verletzlichkeit forscht, sagt: „Wo Perfektionismus herrscht, lauert immer Scham im Hintergrund. Der Perfektionismus ist eine Art Schutzschild, ein Panzer, hinter dem wir uns verstecken.“

Wir haben Angst, dass uns andere ablehnen, sobald sie wissen, wie es in unserem Inneren aussieht. Und versuchen die innere Scham durch äußeren Perfektionismus zu verbergen.

Und da es uns nicht gelingt, absolut perfekt zu sein, entstehen: Schuldgefühle. Schuldgefühle sind zu nichts gut. Schuldgefühle machen die falsche Schublade auf.

Mit Schuldgefühlen landest du nicht im Fach des Bedauerns, der Reue und der Einsicht, sondern im Fach der Scham und Sündhaftigkeit. Du fühlst dich schlecht und wertlos. Die Gedanken drehen sich im Kreis: „Ich wünschte, das wäre mir nicht passiert. Wie konnte ich nur!“

Schuldgefühle lasten wie Blei auf den Schultern der Betroffenen. Sie sorgen dafür, dass man sich schämt. Scham ist aber ebenfalls wenig nützlich. Wer sich schämt, fühlt sich einfach nur schlecht.

Um es klarzustellen: Kein Mensch ist frei von Scham. Die ersten Erlebnisse von Scham liegen meist in der frühen Kindheit. Sicher kannst du dich an Momente in deiner Kindheit erinnern, in denen du dich sehr geschämt hast.

Aber: Das Erleben von Scham und Schuld führt selten zu einem tiefgreifenden Erkenntnisgewinn. Und zur Auflösung des Dilemmas. Im Gegenteil: Du fürchtest dich vor den Konsequenzen dessen, was du angerichtet hat. Nach außen versuchst du, das Geschehene zu vertuschen. Und im Inneren kreisen derweil die Gedanken: „Wie konnte ich das tun? Ich wünschte, es wäre nicht passiert. Ich bin so schlecht.“

Körperreaktion

Während ich das hier schreibe, merke ich, wie ich es regelrecht im Körper spüren kann: „Ich bin so schlecht“ erzeugt bei mir eine ganz starke Körperreaktion. Es grummelt im Bauch. Die Eingeweide ziehen sich zusammen. Kennst du das? Diese Körperreaktion, wenn man sich schämt?

Schuldgefühle stellen dich als Mensch auf den Prüfstand. Und damit hängst du fest. Du bist einfach kein guter Mensch. Warum glauben wir Menschen in der westlichen Welt eigentlich so sehr an das Prinzip der Schuldgefühle?

Wir haben Schuldgefühle quasi mit der Muttermilch aufgenommen. Wir leben in einer Kultur, die Jahrtausende lang geprägt wurde durch den Einfluss des Christentums.

Darin fest verankert ist der Glauben, jeder Mensch trage eine Erbschuld mit sich. Gemäß dieser Kultur sind wir Menschen unvollkommene und sündhafte Wesen.

Denk mal zurück an deine Kindheit, die Schulzeit, deine Jugend. Wie war das? Was stand im Vordergrund? Deine Einzigartigkeit und Vollkommenheit als Wesen in dieser Welt?

Oder doch eher deine Fehlbarkeit und Schwachstellen? Alles natürlich in der guten Absicht, das Beste aus dir herauszuholen, deine Entwicklung zu fördern.

Ich denke, bei den meisten von uns war die Ausgangssituation diese: Das Gute ist zu vernachlässigen, es ist ja schon da. Es gilt vor allem, die Fehler auszumerzen. Das Augenmerk war darauf: Woran mangelt es noch? Nicht: Was ist schon alles da? Was bringt dieses Kind an wunderbaren Eigenschaften mit?

Dazu kommt: unsere klassische Fehlerkultur baut darauf, dass immer ein Schuldiger gefunden und bestraft werden muss. Und er muss Buße tun.

Wer war das? 

Das ist die typische Frage. Und eine weitere: WARUM hast du das gemacht?

Du kennst den Begriff, dass jemand „an den Pranger“ gestellt wird.

Die Wendung bezieht sich auf einen mittelalterlichen Brauch. Verurteilte wurden früher an einen Pfahl gekettet, der auf einem öffentlichen Platz stand. So wurden sie der allgemeinen Verachtung preisgegeben. Diese Strafe konnte zusätzlich mit weiteren Strafen – wie körperlicher Züchtigung, Landesverweis oder einer Geldstrafe – kombiniert werden.

Die Idee, die in unserer Kultur hinter den Schuldgefühlen steckt, ist folgende: Wer Schuld hat, wird bestraft, damit er die Sache möglichst nicht wieder tut.

Und zur Abschreckung zeigten wir früher den Vorgang der Bestrafung möglichst vielen Menschen.

Das barbarische Zurschaustellen gibt es in der Form zwar nicht mehr, aber die Sache mit den Schuldgefühlen ist uns erhalten geblieben.

Und natürlich gibt es in jeder Familie auch ganz individuelle Ausprägungen davon, wie mit dem Thema Schuld umgegangen wird.

Jeder Tag bietet dir die Möglichkeit

Und jetzt kommt etwas sehr Interessantes: In der tibetischen Sprache gibt es das Wort „Schuldgefühl“ gar nicht. Im Buddhismus gibt es gar kein konstantes „Ich bin“. Man kann sich nicht in seiner gesamten Existenz, als kompletter Mensch, schuldig machen.

Es gibt ein Selbst. Das Selbst agiert und reagiert. Es handelt in Wechselwirkung mit der Welt und den äußeren Einflüssen.

So kannst du als Mensch zwar Schlechtes tun – aber du kannst nicht schlecht SEIN.

Und das ist ein Riesen-Unterschied:

Du kannst niemals ein schlechter Mensch sein.

Du kannst unrecht handeln. Doch du du hast jeden Tag aufs Neue die Möglichkeit, dein unrechtes Tun zu durchbrechen und durch aufrichtige Reue davon abzulassen. Und dich anders zu verhalten.

Jeder Tag bietet dir die Möglichkeit. Dafür musst du dich nicht selbst bestrafen. Und dir auch keine Vorwürfe machen. Das wäre gar nicht der Weg der Wahl. Bedauere lieber deinen Fehler und lerne daraus.

Das ist ein entscheidender Punkt: Schuldgefühle bewahren dich nicht davor, dasselbe wieder zu tun. Du kennst das sicher: du weißt, dass du einen Fehler machst und fühlst dich schlecht deshalb - tust es aber trotzdem wieder. Und fühlst dich noch schlechter.

Ob es darum geht, dass du zu viele Süßigkeiten isst, oder ob du, statt die Steuererklärung zu erledigen, lieber eine Serie guckst – oder ob du häufige Ausraster hast: Schuldgefühle führen nicht zur Heilung. Du nimmst es dir zwar jedes Mal vor: Ich mache es nie mehr.

Doch wie soll das gelingen? Wie willst du es hinkriegen?

Denn, wie gesagt, du machst die falsche Gefühls-Schublade auf: Du entwickelst noch mehr Scham. Bei jedem Fehlverhalten.

Und was passiert: Statt mit deiner Verletzlichkeit offensiv umzugehen und die Sache ans Tageslicht zu lassen, versteckst du es. Bis zum nächsten Mal. 

Dich ent-schuldigen

Anders sieht es aus, wenn eine liebevoll gewonnene Einsicht im Spiel ist. Ich sage bewusst: Liebevolle Einsicht. Das bedeutet, dass du rausgehst aus diesem „Ich-bin-ein-schlechter-Mensch“-Denken. Du bist ein guter Mensch. Und auch gute Menschen machen Fehler. Kleine wie große. Schau auf das Tun, nicht auf das Sein.

Was hast du falsch gemacht? Was hat es ausgelöst? Wo bist du einer Täuschung aufgesessen, z.B. in deiner Einschätzung der Situation? Was lernst du daraus? Wie kannst du zukünftig anders handeln? Welche Strategie brauchst du? Bei wem kannst du dir Unterstützung holen?

Und das bedeutet auch: Bei wem gilt es, um Verzeihung zu bitten? 

Ich habe diesbezüglich einen Tipp für dich: Wenn du dich bei jemandem ent-schuldigst (achte mal auf das Wort) – dann stelle das Leid, das du bei deinem Gegenüber ausgelöst hast, in den Mittelpunkt der Entschuldigung und zeige dafür dein Mitgefühl. Stelle jedoch nicht deine Gründe für dein Fehlverhalten in den Fokus.

Dein Mitgefühl und deine Wertschätzung sind gefragt, wenn dein Verhalten jemandem wirklich weh getan hat. Ganz pur.

Und nicht dein Selbstmitleid, das ebenfalls oft Hand in Hand mit den Schuldgefühlen des Weges kommt.

Ob es um eine Freundin geht, deine Partnerin, oder den Partner, oder deine Kinder – wenn du dich entschuldigen willst, dann wähle eine wirklich einfühlsame Entschuldigung. Die ist für dein Gegenüber so viel hilfreicher, als wenn du weiterhin deine Schuldgefühle pflegst. Und auch hilfreicher, als wenn du wortreich deine Gründe fürs Fehlverhalten erklärst.

Bevor ich dir jetzt einen Weg zeige, um Schuldgefühle zu überwinden, noch ganz kurz eine Erläuterung in eigener Sache: Wenn ich hier in diesem Beitrag über Christentum oder Buddhismus spreche, möchte ich keineswegs deine religiösen Empfindungen verletzen. Ich möchte mit dir nur mein persönlich recherchiertes Wissen teilen. Dieses Wissen hat mir sehr dabei geholfen, hinter die Kulissen der Schuldgefühle zu blicken und sie zu verstehen. Und das war für mich ein wesentlicher Schritt, um mich davon zu befreien.

Good-Enough-Prinzip

Und auch: Um für mich eine neue Entschuldigungskultur zu entwickeln, bei der das Leid des Gegenübers im Fokus steht.

Am allermeisten geholfen hat mir dann das Good-Enough-Prinzip. Auf deutsch heißt das: Gut-genug-Prinzip:

Es stammt ursprünglich aus der empirischen Sozialforschung und hat mit Statistik zu tun. Es geht darum, bei großen Stichproben einen bestimmten Bereich für die Gültigkeit der Ergebnisse festzulegen. Innerhalb dieses Bereichs sind dann die Untersuchungsergebnisse gut genug, um daraus signifikante, relevante Aussagen über menschliches Fühlen, Denken und Handeln ableiten zu können.

Das Gut-genug-Prinzip lässt sich auf viele Lebensbereiche übertragen.

Was heißt das? In unserer Vorstellung existiert immer die Idee des wahren, idealen Verhaltens. Vor allem im Nachhinein ist uns klar: So hätten wir die Sache angehen müssen! Dann müssten wir uns jetzt nicht über uns ärgern.

Doch in der Situation, mit dem Partner, den Kindern, den Kollegen, ist es uns nicht eingefallen. Wir haben das gemacht, was uns als Option zur Verfügung stand.

Es kam uns richtig vor, es zu tun. Oder zumindest nicht falsch. Wir wussten es nicht besser.

Und wenn es auch nicht ideal war – meistens war es doch auch nicht wirklich schlimm. Wir haben keinen bleibenden Schaden angerichtet.

Das ist das Gut-genug-Prinzip: Es war für den damaligen Moment okay. Wenn du heute mehr weißt: Bitte, dann kannst du es morgen anders machen. Aber schließe Frieden mit dem, was war. Du kannst es ja sowieso nicht mehr ändern.

Und wenn es falsch war: Da die meisten von uns keine Operationen am offenen Herzen vornehmen, gab es in der Regel auch keine dramatisch bleibenden Schäden.

Wie gesagt: Damals hast du es nicht besser gewusst. Lerne daraus fürs nächste Mal.

Und da kommt wieder Wabi-Sabi ins Spiel. Schärfe deinen Blick für das Wesentliche, für das Besondere. Akzeptiere das Unvollkommene in deinem Leben.

Und wenn es mal nicht good enough war:

Ich kann es nur wiederholen: Lerne, dir zu vergeben. Verzeihe dir, dass du ein Mensch bist und wie alle Menschen Fehler hast und Fehler machst. Große und kleine Fehler.

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“
(Sören Kierkegard)

Was passiert ist, ist vergangen. Es gibt kein Zurück. Lerne daraus. Damals hast du es nicht besser gewusst. Jetzt schon.

Und mache dir eins bewusst: Good enough bedeutet: Du bist gut genug.

Für manche ist das ein absolut revolutionärer Gedanke, sich vorzustellen: „Ich bin gut genug.“

Gerade wenn man sein Leben lang im Defizit war und dachte: Ich bin nicht gut genug, nicht schön genug, nicht schlau genug, nicht nett genug, nicht beliebt genug, nicht erfolgreich genug.

die Nase ist zu lang, die Füße zu groß, nicht perfekt genug als Mutter, nicht toll genug im Job, nicht gelassen genug in Krisen.

Dann ist es revolutionär, dir auf einmal vorstellen:

„Ich bin gut genug. So wie ich bin.“

Sprich den Satz mal nach: „Ich bin gut genug, so wie ich bin.“

Was macht das mit dir? Wie fühlt es sich an?

Das kann eine radikale Veränderung bewirken.

Wenn du denkst, du bist grundsätzlich NICHT gut genug, dann bist du ständig in einem Mangelerleben. Das entscheidende Puzzlestück zum Glücklichsein fehlt quasi ständig.

Wenn du spürst, du bist genau richtig, dann bist du in der Fülle. Dann kommt das Glück ganz oft zu dir. Denn dann trägst du dein Leuchten in die Welt hinaus. Du gibst und du nimmst. Es wird vieles leicht, was früher schwer war.

Für die praktische Umsetzung der Tipps aus dieser Episode habe ich eine Übung für dich. Sie heißt: 

Von gut gemacht zu gut genug

Starte jetzt und hier ein Erfolgsjournal. Nimm dir ein Schreibheft. Schreibe ab jetzt alles auf, was dir gut gelungen ist. Tag für Tag.

Reserviere dir jeden Tag 5 Minuten dafür, alles einzutragen, was du gut gemacht hast. Ich verspreche dir: dir wird jeden Tag was einfallen, das du aufschreiben kannst.

Gib dem Schönen und Guten ganz viel Raum in deinem Leben, dann ist weniger Platz für das Dunkle und den Mangel.

Wenn du magst, dann lege jetzt eine Hand auf dein Herz. Nimm einen tiefen Atemzug ein und aus.

Sprich mir in Gedanken nach:

„Ich bin ich. Ich bin gut genug. So wie ich bin. Genau richtig."

Schenke dir jetzt ein Lächeln. Weil es gut so ist, wie es in diesem Moment gerade ist. Weil es jetzt und hier einfach gar nichts zu bemängeln gibt.

Alles Liebe,
deine Ursula

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