#73: Ein blaues Kleid in Venedig – und ein besonderer Moment ☀️

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Du kannst die Episode hier auch in Textform lesen:

Stell dir vor, du sitzt an einem sonnigen Vormittag in einem Café in Venedig und genießt einen Cappuccino. Um dich herum Wasser, alte Häuser, kleine Brücken über den Kanal. 

Und dann läuft eine junge Frau in einem leuchtend blauen Kleid über eine Brücke – und sieht einfach großartig aus. Du denkst: Wow. 

Normalerweise wäre die Geschichte hier zu Ende.

Diesmal nicht. Und aus zwei Minuten mit einer wildfremden Frau ist gerade eine ganze Podcastfolge über Lebensfreude geworden.

In dieser Episode erfährst du:

  • Warum wir uns alle danach sehnen, gesehen zu werden – und was Resonanz damit zu tun hat.
  • Wie du deinen Blick fürs Schöne trainieren kannst (und warum dein Gehirn dir dabei erst mal im Weg steht).
  • Was Mikroemotionen sind – und wie du einen schönen Moment wirklich auskosten kannst.


Am Ende hast du eine praktische, alltagstaugliche Formel an der Hand für mehr Würdigung von Situationen, die dir Freude machen und Kraft spenden. Du kannst diese Formel direkt umsetzen und dadurch deinen Alltag aufhellen.

Manchmal sind es ja nicht die großen Dinge, die von einem Tag hängen bleiben. Manchmal ist es auch ein Mensch in einem blauen Kleid ...

Aber erzähl ich's dir von Anfang an. Ich war letzte Woche in Venedig und nach einer Vaporettofahrt auf dem Canale Grande saß ich in Arsenale im Café und habe die Atmosphäre der Stadt auf mich wirken lassen. 

Und dann kam sie. 

Eine junge Frau lief über eine Brücke. Sie trug ein langes, leuchtend blaues Kleid mit kräftigen weißen Punkten, dazu hatte sie einen dunkellila Schirm als Sonnenschutz aufgespannt und hatte eine weiße Sonnenbrille. 

Ein bisschen wie Mary Poppins – nur jünger, italienischer und mit deutlich mehr Blau. 

Ich musste lächeln. Und eigentlich hätte die Geschichte hier schon vorbei sein können. Denn wie oft passiert uns genau das? Wir sehen jemanden und denken: Was für ein tolles Kleid. Wie sympathisch. Wie schön die lacht. Und dann behalten wir den Gedanken einfach für uns.

Diesmal nicht.

Ich stand auf, ging zu ihr und sagte ihr, wie wunderschön ich ihr Outfit finde. Ob ich ein Foto machen dürfe. 

Und diese junge Frau hat sich so gefreut. Sie blieb stehen, strahlte, posierte vor den historischen Löwenstatuen des Arsenale. 

Wir unterhielten uns kurz – und es war völlig klar: Dieses Outfit war nicht nur Kleidung. Sie hatte Spaß daran, sie wollte Farbe in die Welt bringen. Und sie machte mir ebenfalls ein Kompliment.

Zwei Minuten dauerte unsere Begegnung, nicht länger. 

Dann ging die Frau weiter, ich setzte mich wieder in mein Café zu meinem Cappuccino. 

Und wir waren vermutlich beide ein kleines bisschen fröhlicher als vorher.


Warum berührt uns so etwas?

Vielleicht, weil hinter diesem winzigen Erlebnis etwas sehr Menschliches steckt: Wir möchten gesehen werden. Damit meine ich nicht, dass wir ständig bewundert, gelobt oder in den Mittelpunkt gerückt werden wollen. 

Nein, es ist viel schlichter. Wir möchten gerne wahrgenommen werden.

Psychologisch geht es dabei um Resonanz. Resonanz entsteht, wenn etwas von mir bei einem anderen Menschen ankommt – und etwas zurückkommt. Ich zeige etwas von mir, bewusst oder unbewusst.

Der andere nimmt es wahr und reagiert darauf. So kann ich spüren: Ich bin nicht allein. Ich habe eine Wirkung. 

Genau das ist passiert. Ich habe die Frau in Venedig nicht nur gesehen, sondern habe mich von ihr emotional berühren lassen. 

Und so ist ein kompletter Resonanzprozess entstanden. Ich nehme dich wahr → du merkst, dass ich dich wahrnehme → du reagierst → deine Reaktion berührt wiederum mich. 

Und plötzlich entsteht Beziehung. Sogar zwischen zwei Menschen, die sich überhaupt nicht kennen. 

Resonanz entsteht dann, wenn etwas von mir bei einem anderen Menschen ankommt – und durch seine Reaktion wieder etwas zu mir zurückkommt.


Warum ist das so wichtig für ein gutes, zufriedenes Leben?

Menschen entwickeln ihr Selbst nicht vollkommen unabhängig von anderen. Wir brauchen soziale Rückmeldung: Wie komme ich an? Werde ich wahrgenommen? Bin ich bedeutsam für andere? Erzeugt das, was ich tue, eine Reaktion?

Deshalb kann ein Satz wie „Ich sehe dich“ emotional so stark sein.

Gemeint ist nicht das buchstäbliche Sehen, sondern:

„Du bist für mich gerade nicht unsichtbar.“

Und noch stärker:

„Etwas von dir ist bei mir angekommen.“

Das berührt mehrere grundlegende psychologische Bedürfnisse: Zugehörigkeit und Verbundenheit, Anerkennung, soziale Eingebundenheit – aber auch Selbstwirksamkeit. 

Denn wenn jemand auf mich reagiert, erlebe ich: Ich hinterlasse eine Spur in meiner sozialen Umwelt.


Wir brauchen Resonanz – auch im Kleinen

Wie gesagt:

Wir Menschen sind soziale Wesen. 

Unser Wohlbefinden hängt ganz wesentlich davon ab, ob wir uns verbunden und wahrgenommen fühlen. Dabei denken wir meist an die engen Beziehungen: Partnerschaft, Familie, Freundschaften.

Aber Verbundenheit kann auch in Mikromomenten entstehen. Mit der Verkäuferin beim Bäcker. Mit dem Mann, der die Tür aufhält. Mit der Bedienung im Café. Oder mit einer wildfremden Frau auf einer Brücke in Venedig.

Es muss kein tiefes Gespräch sein. Manchmal reichen zwanzig Sekunden echter Kontakt. Ein Blick. Ein Lächeln. Ein Satz: „Das hat mir gerade wirklich gut gefallen.“ Und das Gegenüber reagiert darauf. Ich spüre die Reaktion. Für einen Augenblick sind wir miteinander in Kontakt.

Das ist übrigens auch im Büro sehr, sehr wichtig: Man macht sein Ding, dreht sich um die eigenen Themen und seinen eigenen Stress. Und so kann das, was die Kolleg:innen beitragen, auch mal unsichtbar werden. 

Ein ehrliches „Ich hab gesehen, was du da gerade geleistet hast“ oder „Danke, dass du eingesprungen bist“ signalisiert: Dein Beitrag kommt an. Ich sehe dich noch – bei all dem, was um uns herum passiert.

Und jetzt kommt der Teil, den ich besonders spannend finde:

Dieser kleine Moment macht ja nicht nur den anderen glücklicher. Er verändert auch mich, erzeugt ein schönes Gefühl der Freude. 


Aus Mikromomenten werden Mikroemotionen

Die Positive Psychologie erforscht seit Langem, was positive Emotionen mit uns machen. Barbara Fredrickson nennt das Broaden-and-Build: Positive Emotionen weiten unseren Wahrnehmungs- und Handlungsspielraum – und daraus bauen wir über die Zeit echte Ressourcen auf.

Freude macht etwas mit uns. Interesse macht etwas mit uns. Verbundenheit macht etwas mit uns. Und keine dieser Emotionen muss spektakulär sein.

Vielleicht machen wir bei Lebensfreude genau da den Fehler, auf die großen Portionen zu warten. Den Urlaub. Das Wochenende. Die Beförderung. Dabei besteht unser Leben überwiegend aus ziemlich gewöhnlichen Tagen.

Deshalb mag ich die Idee der Mikroemotionen: kleine Portionen Freude. Zehn Sekunden hier, eine Minute dort. Ein Lachen, ein Kompliment, ein kurzer Moment von Verbundenheit. Diese kleinen Erfahrungen summieren sich – nicht zum Dauergrinsen, sondern zu einer etwas freundlicheren Grundmelodie im Alltag.

Deshalb ist meine Einladung heute: 

Halte die Augen offen. Würdige dein Gegenüber. Sag danke. Schenke Anerkennung. Spüre, was das auch mit dir macht.

Damit verschiebt sich dein Aufmerksamkeitsfokus. 

Unser Gehirn ist ja ziemlich gut darin, Abweichungen, Probleme und Gefahren zu registrieren – evolutionär war das enorm sinnvoll. Ich habe es schon öfter erwähnt.

Im Alltag führt diese Negativitätsverzerrung aber dazu, dass wir sehr zuverlässig entdecken, was fehlt, was nervt, wer im Weg steht. Und das Positive wird erstaunlich schnell selbstverständlich.

Deshalb ist „Halte die Augen offen“ viel mehr als eine nette Freundlichkeitsübung. Ich trainiere meinen Blick auf das, was schön, gelungen, freundlich oder berührend ist.

Und Denn wenn ich mir vornehme, anderen häufiger etwas Anerkennendes zu sagen, muss ich vorher etwas tun: hinschauen.

Und dann: Nicht gleich weiter!


Mein Tipp: Auskosten!

Der Neuropsychologe Rick Hanson beschäftigt sich viel damit, wie wir positive Erfahrungen bewusster aufnehmen und speichern können. 

Sein Grundgedanke gefällt mir sehr: Es reicht nicht immer, dass etwas Schönes passiert – wir müssen es auch bei uns ankommen lassen.

Denn was machen wir normalerweise? Jemand sagt etwas Nettes, wir freuen uns kurz, „ach, danke!“ – und zack, weiter. Handy raus, nächster Gedanke, nächster Termin, nächste Aufgabe. Der schöne Moment war da – aber wir haben ihn kaum wirklich wahrgenommen.

Hanson empfiehlt deshalb, bei einer positiven Erfahrung ein paar Sekunden länger zu verweilen. Fachleute nennen das Savoring – Auskosten. Und daraus machen wir jetzt eine kleine Coffee-or-Tea-Regel: 

Gib einem schönen Moment neun bis zwölf Sekunden.

Nicht analysieren. Nicht festhalten wollen. Einfach wahrnehmen: Das ist gerade schön. Vielleicht spürst du die Freude im Körper, vielleicht musst du lächeln, vielleicht merkst du Wärme, Leichtigkeit oder Verbundenheit. Und dann bleibst du noch einen kleinen Moment dabei. Neun, zehn, elf, zwölf.

Das klingt vielleicht lächerlich wenig. Aber probier es einmal aus. Denn plötzlich wird aus „das war nett“ etwas mehr: „das tut gerade richtig gut.“ Und genau das ist für mich ein wichtiger Teil von Lebensfreude – positive Momente nicht nur haben, sondern sie bemerken und auskosten.

Und damit bekommt unsere Venedig-Geschichte eine zweite Seite: 

Ich konnte dieser jungen Frau etwas schenken, indem ich ihr sagte: Ich sehe dich. Aber ich konnte den Moment gleichzeitig auch mir selbst schenken.

Indem ich innerlich noch einen Moment bei unserer Begegnung geblieben bin. Bei diesem unglaublichen Blau. Ihrem Strahlen. Der  verrückten kleinen Begegnung zwischen zwei Menschen, die sich vermutlich nie wiedersehen werden. Neun bis zwölf Sekunden.

Vielleicht liegt genau darin die doppelte Kraft solcher Mikromomente: Ich nehme etwas Schönes wahr. Ich würdige es und spreche es. Und ich lasse die Freude, die bei meinem Gegenüber entsteht, auch bei mir selbst ankommen. Dann wird aus einem flüchtigen Moment etwas, das ein bisschen länger nachwirkt.

Damit haben wir sogar eine kleine Formel, die du heute mitnehmen kannst: 

Sie lautet:

Sehen – Würdigen – Auskosten

Sehen:

Was ist gerade schön? Freundlich? Berührend? 

Würdigen:

Nimm es wahr. Benenne es. Erkenne es an. 

Auskosten:

Lass die eigene Freude noch ein paar Sekunden wirken. Unser Gehirn kann ja wie Klettband für das Negative sein und wie Teflon für das Positive. Schöne Erfahrungen rutschen ab, wenn wir sie nicht kurz festhalten. So sagt es Rick Hanson.

Auskosten ist das bewusste, freundliche Verweilen, damit sich der Moment überhaupt festsetzen kann. Atme wohlwollend ein und aus und genieße den Moment.

Mach gerne auch ein Experiment daraus:

Was gibt es heute Schönes zu entdecken?
Welchen Menschen begegnest du? Was erlebst du?
Signalisiere: Ich sehe dich.

Und nach einem schönen Moment: Nicht sofort weiterrennen – bleib neun bis zwölf Sekunden in der Aufmerksamkeit. Genieße es. Lass es ankommen.

Denk daran: 

Für mehr Lebensfreude brauchen wir gar nicht immer mehr schöne Momente. Wir können die Momente, die uns über den Tag geschehen, besser sehen, miteinander teilen – und ein kleines bisschen länger auskosten.

Deine Ursula

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