#69: Zwischen Vorzelt und Vergangenheit – wie alte Stressmuster heute noch wirken

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Du kannst die Episode hier auch in Textform lesen:


Kennst du das? 

Du bist in einer Situation – und plötzlich ist da Stress, der eigentlich viel zu groß ist für das, was gerade passiert?

Mir ging es genau so – beim Aufbau eines Camping-Vorzelts.
Und was ich dabei über mich entdeckt habe, hat mich selbst überrascht.

Du darfst gespannt sein. Denn:

Du erfährst in diesem Podcast,

  • warum uns manche Situationen emotional viel stärker triggern, als sie müssten,
  • wie alte Erfahrungen aus der Kindheit unbemerkt unser Verhalten steuern,
  • was das mit unserer Komfortzone zu tun hat,
  • und woran du erkennst, ob du gerade in einer sogenannten kognitiven Verzerrung feststeckst.

Es ist sehr spannend!

Am Ende hast du konkrete Impulse, wie du wieder klarer denken, ruhiger reagieren und deine Selbststeuerung im Alltag stärken kannst.

Eine Folge über alte Muster, neue Klarheit – und die Frage:
Bist du gerade wirklich im Hier und Jetzt… oder steckst du innerlich fest in deiner Vergangenheit?


Ich möchte heute mit einem Erlebnis beginnen, das ich vor ein paar Tagen hatte.
Und ich bin sehr gespannt, ob du so etwas auch kennst.

Wir haben einen Wohnwagen – und wir lieben es, dort unsere Zeit zu verbringen.
Am letzten Wochenende wollten wir unser Sommer-Vorzelt aufbauen.

Jetzt muss man sagen:
So ein großes Vorzelt ist kein „mal eben schnell“-Projekt.
Viele Stangen, viel Ausrichten, alles muss gerade stehen, windfest verzurrt sein – es dauert.

Und interessant ist:
Jedes Jahr, wenn es darum geht, dieses Vorzelt aufzubauen, habe ich innerlich Stress.

Mein Wunsch – wirklich jedes Jahr – ist:
„Lass uns das doch mit mehreren Leuten machen, dann geht es schneller und macht mehr Spaß.“

Mein Mann sieht das ganz anders.
Er sagt: „Lass uns das in Ruhe zu zweit machen.“


Der innere Stress

Wie jedes Jahr kam es, wie es kommen musste:
Ich war im Stress.

Wir, mein Mann Norbert und ich sind beide nicht super handwerklich – das heißt, manche Handgriffe dauern einfach länger.
Und ich habe mich den ganzen Samstagvormittag dabei beobachtet, wie mein Stress immer größer wurde.

Bis ich irgendwann kurz ausgestiegen bin, also regelrecht rausgegangen bin aus der Situation, und mich gefragt habe:

Was ist hier eigentlich los mit mir?
Warum triggert mich das so?


Die Erinnerung – „Gruß aus der Küche der Kindheit“

Und plötzlich kam eine Erinnerung hoch.
Ganz leise und diffus zunächst, aber dann zunehmend deutlicher und klarer.

Ich habe solche Momente im Podcast schon mal genannt:
„Ein Gruß aus der Küche der Kindheit.“

Ich sah mich wieder als Kind – beim Segeln mit meinen Eltern und meinem Bruder in Holland.
So haben wir oft Urlaub gemacht.

Und immer, wenn es schwierig wurde an Deck, wenn es aus irgendeinem Grund hektisch wurde,
dann hieß es: „Ursula, geh bitte unter Deck.“

Mein Bruder durfte bleiben, helfen, Segel setzen.
Ich musste runter in die Kajüte.

Die Botschaft war klar:
„Du kannst das nicht.“


Die Erkenntnis

Und plötzlich wurde mir etwas sehr deutlich: 

Dieser Mechanismus lebt heute noch in mir! 

Wenn etwas schwierig ist, wenn ich mich unsicher fühle,
wenn handwerkliches Geschick gefragt ist,
dann möchte ich innerlich…

… unter Deck gehen.
… mich rausziehen.
… es andere machen lassen.

Und wenn ich es doch tun soll,
dann entsteht dieser enorme Stress.

Nicht wegen des Vorzelts, das wurde mir klar - sondern wegen der alten Geschichte:

„Ich kann das nicht.“


Das ABC-Modell

Vielleicht erinnerst du dich an das ABC-Modell, von dem ich dir schon öfters erzählt habe:

  • A – Auslöser: Vorzelt aufbauen
  • B – Bewertung: „Ich kann das nicht“
  • C – Konsequenz: Stress, Vermeidung, innerer Rückzug

Und jetzt wird es spannend:

Ich habe mir dazu eine ziemlich gute Story gebaut:
„Im Team macht es mehr Spaß.“
„Gemeinsam geht es schneller.“

Und ja – das mag alles stimmen.
Aber: Das ist nicht die ganze Wahrheit.


Der blinde Fleck: Mein Glaubenssatz

Darunter liegt etwas anderes:

  • Die Angst zu versagen
    Die Angst, inkompetent zu wirken
    Der alte Glaubenssatz: „Ich kann das nicht“

Und dieser Glaubenssatz bleibt oft im Dunkeln.
Er zeigt sich nicht direkt – sondern verkleidet sich als „vernünftige Erklärung“.

Das nennen wir in der Psychologie: Kognitive Verzerrung


Der Wendepunkt

Und dann ist etwas Entscheidendes passiert:

Ich habe das Ganze ins Bewusstsein geholt.
Quasi: aus der Kajüte nach oben aufs Deck.

Und plötzlich wurde klar:

Ich bin heute nicht mehr das kleine Mädchen.
Ich bin eine erwachsene Frau.
Ich baue mit meinem Mann ein Sommer-Vorzelt auf.

Und ganz ehrlich: Wir operieren nicht am offenen Herzen.

Es darf dauern.
Es dürfen Fehler passieren.

Und in dem Moment…

… wurde es ruhiger
… wurde es leichter
… wurde ich handlungsfähiger!


Die Frage an dich

Jetzt meine Frage an dich:
Kennst du solche Situationen?

Dieses diffuse, ungute Gefühl…
das sich erstmal total logisch erklären lässt…

…aber irgendwie bleibt ein Rest:

„Irgendwas stimmt hier nicht ganz.“

Vielleicht erkennst du dich in einem dieser Momente wieder:

Du schiebst eine Aufgabe vor dir her und sagst dir:
„Ich arbeite einfach besser unter Druck.“
– aber eigentlich ist da die Angst, es nicht gut genug zu machen. Oder vielleicht sogar: Durch die Erledigung erfolgreicher zu sein, als du es dir selbst zugestehst.

Andere Situation:

Du vermeidest ein klärendes Gespräch und erklärst dir:
„Es bringt ja eh nichts, das jetzt anzusprechen.“
– aber darunter liegt die Sorge, abgelehnt zu werden oder einen Konflikt nicht auszuhalten.

Oder:

Du hältst dich in Meetings zurück und denkst:
„Die anderen sind einfach kompetenter.“
– obwohl du fachlich absolut mithalten kannst. Du traust dich nicht, dich zu zeigen.

Noch ein Beispiel:

Du willst alles alleine schaffen und sagst:
„Ich bin halt jemand, der unabhängig ist.“
– aber vielleicht erlaubst du dir nicht, um Unterstützung zu bitten, weil du glaubst, dich nicht auf andere verlassen zu dürfen. 

Oder du kennst diesen inneren Drang, Situationen schnell zu verlassen oder zu „retten“ – und nennst es:
„Ich bin einfach lösungsorientiert.“
– obwohl du eigentlich gerade etwas vermeidest. Zum Beispiel einen Konflikt.


Nicht die ganze Wahrheit

Und das Spannende ist:

Diese Erklärungen sind nicht falsch.
Sie sind nur… nicht die ganze Wahrheit.

Denn oft steckt darunter etwas viel Älteres:
eine Erfahrung, ein Satz, ein Gefühl von früher.

„Ich darf keinen Fehler machen.“
„Ich bin nicht gut genug.“
„Ich kann das nicht.“
„Konflikte sind böse.“
„Ich kann niemandem vertrauen.“

Und genau diese Glaubenssätze laufen heute noch mit – im Verborgenen. Sie wollen auch nicht ans Licht.

Denn: Sie schützen deine Komfortzone.

Was meine ich damit?

Du hast ja im Laufe deines Lebens ein Bild von dir entwickelt: „So bin ich.“

Im Positiven, wie im Negativen. Dein Selbstbild gibt dir Orientierung: 

Was kann ich?
Was darf ich?
Was steht mir zu?
Wo gehöre ich hin?

Es wirkt wirkt wie ein Filter für dein Verhalten und definiert, welche Optionen du überhaupt in Betracht ziehst – und welche du gar nicht erst für dich „siehst“.

Und so bleibt alles, wie es immer war. Du bleibst in deinen vertrauten Mustern. Und die eigene Komfortzone bleibt intakt.


Ein großes Missverständnis

Hier möchte ich mit einem Missverständnis aufräumen: 

Viele denken, die Komfortzone ist ein schöner, gemütlicher Ort, quasi die bequeme Coach, auf der man sicher und harmonisch sitzt.
Das ist so nicht richtig. Die Komfortzone ist die Geschichte, die du dir über dich und die Welt erzählst. In dieser Geschichte kennst du dich hervorragend aus. Sie muss nicht schön sein, und auch überhaupt kein bisschen bequem – aber zumindest kennst du deinen Platz in dieser Geschichte, deine Rolle, deine Verhaltensweisen. 

Und kognitive Verzerrungen sind die „Wächter“, die diese Geschichte verteidigen. Denn: Unser Denken, Fühlen und Verhalten soll ja einen Sinn machen. Und entsprechend brauchen wir eine logische Erklärung, warum wir uns etwas nicht zutrauen.

Genau hier beginnt die Selbsterkenntnis:
in dem Moment, in dem du merkst: Hey – das, was hier passiert, ist nicht nur die Situation von außen.
Das ist auch meine Geschichte. Und das, was ich mir hier gerade erzähle, hält mich fest in alten Mustern. Mit anderen Worten: Da wirkt irgendein ein Glaubensatz, der sich fest eingenistet hat.


Wie kannst du eigenen Glaubenssätzen auf die Spur kommen?

Wie gelingt es, Denk- und Verhaltens-Muster aus der Vergangenheit zu überwinden und neue Wege einzuschlagen?

Die gute Nachricht zuerst: Ja, ja, ja! Genau das ist möglich!

Das nennt sich Neuroplastizität.

Das Gehirn kann die Eigenart von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen verändern, so dass du mehr Freiheit, mehr Freude, mehr Wahlmöglichkeiten bezüglich deines Verhaltens hast.

Ich habe darüber auch in der Episode 53 von Coffee or Tea gesprochen, sie heißt „Forever young“, höre gerne noch mal rein.


Neue Wege einschlagen 

Aber wie kannst du dein Gehirn dazu bringen, sich zu verändern und besagte neue Wege einzuschlagen?

Ab Minute 16:30 stelle ich dir im Podcast vier Tipps vor. Hier fasse ich sie kurz zusammen:

1. Stopp & den Auslöser benennen
Sobald du merkst: „Ich bin überproportional im Stress mit der Situation“
Halte kurz inne. Atme bewusst ein und aus. Und dann:
Benenne die Situation so konkret wie möglich.

2. Das B, die Bewertung, sichtbar machen
Frag dich bewusst:

Was erzählst du dir gerade über diese Situation?
Welche Bewertung läuft hier im Hintergrund?
Benenne deine Gefühle! Das nennt sich Affect Labeling. 

3. Realität checken
Teste deine Bewertung: Wie groß ist das Drama wirklich - auf einer Skala von 1 bis 10? Wenn 1 ein Fliegenschiss ist und 10 der Weltuntergang, wie bedrohlich ist die Sache gerade? Und wie nachhaltig sind die Konsequenzen, auf fünf oder zehn Jahre gesehen?

4. Vergangenheit von der Gegenwart trennen
Wenn es dir tatsächlich gelingt, zu identifizieren, wo in der Vergangenheit Belastung entstanden ist, bist du einen riesigen Schritt weiter. 

Eine kraftvolle Weise kann folgender Self-Talk sein: „Das war damals. Da war ich klein und hilflos. Heute bin ich groß/erwachsen. Ich bin 40, 50, 60 oder 70 Jahre alt und habe Möglichkeiten, um Probleme zu lösen.“

Das holt dich zurück in deine Handlungsmacht.

Vielleicht ist das aktuell ein zu großer Schritt für dich. Das macht nichts. Den Realitätscheck nach außen hin kannst du trotzdem vornehmen:

Wahrer Weltuntergang oder Fliegenschiss?


Affect Labeling beruhigt

Bleib nah dran an deinen Gefühlen, am sogenannten Affect Labeling. Das Benennen von Gefühlen beruhigt das emotionale Alarmsystem im Gehirn. Durch das Benennen passiert eine Verschiebung von der Emotion zur Kognition und sorgt so für mehr Kontrollerleben und weniger inneren Alarm.

Das Gute daran: Du musst nicht großartig „an dir arbeiten“, um das zu bewirken – es reicht oft schon, das Gefühl präzise zu benennen.

Wenn bei dir der Wunsch nach professioneller Begleitung entsteht, dann kann ich als Psychologin dich sehr gerne unterstützen.

Wähle dir einen Telefontermin aus und wir sprechen miteinander - kostenlos und unverbindlich.

Übrigens: Mein Kollege der Psychologische Psychotherapeut Edgar Blawatt und ich bieten vom 24. bis 26. September einen wunderbaren Workshop in Langenfeld zum Thema Resilienz an. In kleiner, feiner Runde mit maximal 6 Teilnehmenden.

Wenn du daran interessiert bist, dann schreib mir eine Mail

Auf jeden Fall wünsche ich dir ganz viel Freude, Bewusstheit und Liebe bei all deinem Tun.

Sicher kennst du jemanden, dem du diese Episode empfehlen möchtest. Bitte teile sie mit Menschen, denen diese Episode ebenfalls Freude machen würde.

Von Herzen alles, alles Liebe,

Deine Ursula

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