#72 – Von 0 auf 180 in drei Sekunden – Wohin mit meiner Wut?!

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Du kannst die Episode hier auch in Textform lesen:

Ich möchte heute mit einem kleinen Geständnis beginnen: Ja, auch Psychologinnen werden manchmal so richtig wütend.

Genau davon handelt diese Episode.

Du erfährst heute:

  • warum Wut eine wichtige Emotion ist und weshalb du sie nicht unterdrücken solltest.
  • was in deinem Körper, deinen Gedanken und deinem Gehirn passiert, wenn du innerhalb von Sekunden von 0 auf 180 bist.
  • welche typischen Strategien Menschen im Laufe ihres Lebens im Umgang mit Wut entwickeln – und welche langfristig wirklich hilfreich sind.
  • wie du den entscheidenden Moment zwischen Impuls und Reaktion vergrößern kannst, um selbstbestimmt zu handeln.

Am Ende hast du fünf alltagstaugliche Strategien zur Hand, die dir helfen, mit mehr Selbststeuerung und Gelassenheit auf schwierige Situationen zu reagieren.


Ein Geständnis ...

Letzte Woche stand ich beim Bäcker. Es war einer dieser heißen Sommertage. Vor mir war noch eine Kundin, hinter mir ein älterer Herr.

Die Verkäuferin sagte freundlich: "Ich gehe mal kurz nach hinten etwas trinken."

Der Mann hinter mir fragte: "Wo geht sie denn jetzt hin?"

Ich antwortete: "Nach hinten. Sie möchte etwas trinken."

Und dann kam der Satz, der bei mir innerhalb von Sekunden sämtliche Wutsensoren aktiviert hat: "Also das kann sie doch heute Abend nach Feierabend machen.“

Mein Puls schoss auf 180. Ich dachte nur: „Das kann doch jetzt nicht wahr sein!“

Und ehe sich der moderierende Teil meines Gehirns einschalten konnte, hatte mein Mund schon losgelegt. "Ich glaube, Sie sind nicht ganz dicht."

Kurze Stille.

Der Herr schaute mich fassungslos an. Er war eindeutig jenseits des beruflichen Erwerbsalter, deshalb  fügte ich noch hinzu: "Aber Sie haben bestimmt gleich einen unglaublich wichtigen Geschäftstermin."

Damit war er endgültig verwirrt. Er hat aber nichts mehr gesagt. 

Im Nachhinein, mit dem Kuchentablett in der Hand, auf dem Heimweg, habe ich mich gefragt: Musste das jetzt sein? Hätte ich das anders lösen können? Besser?

Und genau darüber möchte ich heute sprechen: Über Wut.

Über dieses Gefühl, das einen von null auf hundertachtzig bringen kann. Und das in maximal drei Sekunden.


Kennst du das auch?

Jemand nimmt dir im Straßenverkehr die Vorfahrt und bedankt sich nicht einmal dafür, dass du geduldig gewartet hast.

Jemand drängelt von hinten und rammt dir seinen Einkaufswagen in die Hacken.

Oder jemand macht eine Bemerkung, die du so richtig unangemessen findest. Oder die dich bis ins Mark trifft.

Und plötzlich passiert etwas in dir. Dein Herz schlägt schneller. Der Kiefer presst sich zusammen. Vielleicht ballst du sogar unbewusst die Hände. Die Atmung wird flacher. Du merkst Hitze im Gesicht. Manche Menschen bekommen rote Ohren. Andere einen Kloß im Hals. Oder im Bauch krampft sich alles zusammen. Es kann sich auch anfühlen wie ein Faustschlag in den Magen.

Und in deinem Kopf beginnt ein regelrechtes Feuerwerk:

„Unverschämt!“

"Das gibt's doch nicht!“

„Der spinnt doch!“

Und parallel entsteht ein starker Impuls: 

Etwas Provokatives zu sagen.

Zu schimpfen.

Die Tür zu knallen.

Etwas auf den Tisch zu werfen.

Zu hupen, wenn du im Auto bist.

Oder wenigstens innerlich einen sehr kraftvollen Monolog zu führen.


Die vier Ebenen der Wut

Psychologisch sprechen wir, bei dem was ich geschildert habe, von vier Ebenen, auf denen etwas geschieht.

  1. Der Körper gerät in den Alarmzustand: Der Sympathikus übernimmt. Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet. Die Herzfrequenz steigt. Die Muskulatur bereitet sich auf Kampf oder Flucht vor. Evolutionär macht das vollkommen Sinn.
  1. Ein ganzes Potpourri von Gefühlen entsteht: Empörung, Ärger, Frustration, vielleicht auch Kränkung – gefolgt vom Erleben von Hilflosigkeit oder Enttäuschung. 
  1. Die Gedanken: Unser Verstand bewertet blitzschnell: Das ist nicht okay! Es entstehen verschiedenste Gedanken: Das darf der nicht! Dem zeig ich’s! Oder vielleicht auch lieber nicht? Und vieles mehr.
  1. Und als vierte Ebene haben wir die Impulse: Wir reagieren, oder haben zumindest den Impuls dazu.

Vielleicht fragst du dich jetzt: Ist Wut eigentlich etwas Schlechtes?

Ganz klar: Nein.

Wut gehört zu unseren Grundemotionen. Sie erfüllt eine wichtige Aufgabe.

Sie macht uns aufmerksam: Da stimmt etwas nicht. Da wird eine Grenze überschritten. Da wird ein Wert verletzt. Da passiert etwas, was für mich nicht in Ordnung ist.


Wut als Warnlampe

Wut ist deshalb wie eine Warnlampe im Auto.
Die Warnlampe ist nicht das Problem.
Sie zeigt dir nur an: Schau bitte hin.

Deshalb halte ich überhaupt nichts von Aussagen wie: "Man darf nicht wütend werden."

Die Aufgabe besteht nicht darin, Wut abzuschaffen.
Sondern sie klug zu nutzen. Zu erkennen:

Was will mir diese Wut gerade sagen?

Über unsere Beziehungen?
Wut zeigt oft, dass eine Grenze verletzt wurde, Bedürfnisse übergangen werden oder etwas unausgesprochen geblieben ist. Sie macht sichtbar, wo Klärung oder Abgrenzung notwendig sind.

Über unsere Arbeit?
Wut kann ein Hinweis darauf sein, dass Werte verletzt werden, Überforderung entsteht, Verantwortung unklar ist oder wir uns nicht gesehen und wertgeschätzt fühlen. Sie signalisiert: Hier stimmt etwas nicht.

Über uns selbst?
Wut verrät viel über unsere inneren Antreiber, Erwartungen und Verletzlichkeiten. Oft richtet sie den Blick auf Themen wie Kontrolle, Perfektionismus, Gerechtigkeit oder das Bedürfnis nach Anerkennung. Sie fragt: Warum trifft mich genau das so sehr?


Wut ist nicht gleich Wut

Sie hat viele Gesichter. Manchmal schützt sie unsere Grenzen, manchmal verdeckt sie Verletzungen, manchmal zeigt sie uns schlicht, dass wir erschöpft sind.
Wer erkennt, welche Wut gerade spricht, gewinnt die Freiheit, bewusst zu entscheiden, statt nur zu reagieren.

Doch wie erkenne ich Wut? Und was kann ich tun?

Ich möchte dir fünf Möglichkeiten mitgeben.

  1. Benenne deine Wut. Das klingt simpel. Ist aber wissenschaftlich gut untersucht. Wenn wir Gefühle in Worte fassen, beruhigt sich das emotionale Zentrum im Gehirn. Du könntest innerlich sagen: "Ich merke gerade, dass ich extrem wütend bin.“ Oder: „Ich spüre, wie die Wut in mir hochkocht.“ Allein dieses Spüren und Benennen schafft bereits etwas Abstand.
  1. Frag dich: Welcher deiner Werte wurde gerade verletzt? War es Respekt? Fairness? Rücksicht? Gerechtigkeit? Denn Wut zeigt oft auf einen wichtigen persönlichen Wert. 
  1. Nutze den Körper. Wut ist Energie. Und Energie möchte sich bewegen. Atme bewusst aus. Lauf einmal um den Block. Schüttle Arme und Beine aus. Drücke beide Hände kräftig gegeneinander. Spanne Muskeln an und lass wieder los. Der Körper hilft dem Gehirn beim Runterfahren.
  1. Prüfe deine Geschichte. Nicht: Was ist passiert? Sondern: Welche Bedeutung habe ich der Situation gegeben? Denn zwischen Ereignis und Gefühl liegt ja immer unsere Bewertung.
  1. Entscheide erst dann, ob und wie du handeln möchtest. Vielleicht möchtest du tatsächlich etwas sagen. Grenzen setzen. Widersprechen. Und es ist absolut in Ordnung, an deinen Gefühlen auch andere teilhaben zu lassen: „Das, was Sie da sagen, ärgert mich sehr.“ Es ist wesentlich besser, es so auszudrücken als durch Aggression. Oder als seine Gefühle gänzlich zu unterdrücken.


Zum Abschluss möchte ich dir noch eine kleine Übung ans Herz legen.
Ich nenne sie: Finger-KEGI. Du findest sie bei YouTube, direkt zum Mitmachen: https://youtu.be/rbeZw6vFDZs

Vielleicht magst du sie gleich mal ausprobieren. 

Und dann möchte ich dich noch auf eine Veranstaltung aufmerksam machen, auf die ich mich ganz besonders freue: 

Ab Ende Juli findest du meinen Kollegen Edgar Blawatt und mich auf dem METAFORUM Sommercamp in Abano. Beim „Tag der Vielfalt“ sind wir mit unserem Vortrag „Mit dem inneren Serienkiller auf du und du – Warum wir Vorsätze killen und wie Veränderung gelingt“ dabei.

Wenn du vor Ort bist, komm gerne vorbei. Wir freuen uns auf inspirierende Begegnungen, spannende Gespräche und darauf, den einen oder anderen inneren Serienkiller gemeinsam zu entlarven.

Falls dir die Reise nach Italien zu weit ist: Du kannst du uns auch im Rheinland treffen.

Vom 24. bis 26. September biete ich gemeinsam mit Edgar einen besonderen Resilienz-Kurs an. Es geht darum, die eigene psychische Widerstandskraft zu stärken, gelassener mit Belastungen umzugehen und neue Kraftquellen im Alltag zu entdecken.

Wir werden dabei nicht nur Wissen vermitteln, sondern vor allem viele praktische Übungen ausprobieren, miteinander ins Gespräch kommen und konkrete Strategien entwickeln, die du direkt im Alltag anwenden kannst. Dazu bekommst du auch therapeutische Impulse vom Profi.

Wenn du dir also etwas Gutes tun möchtest, wenn du wieder mehr innere Stärke, Zuversicht und Gelassenheit in dein Leben bringen möchtest, dann würde ich mich sehr freuen, dich dort zu begrüßen.

Alle Informationen zum Kurs findest du auf der Seite Gedankenknast.de.

Und jetzt verabschiede ich mich wirklich für heute.

Bis zur nächsten Folge – und denk daran:

Gefühle sind niemals unsere Gegner. Sie sind Botschafter.
Je besser wir ihnen zuhören, desto klüger können wir handeln.

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